Mann beisst Hund

27. March 2013

Mann beisst Hund

Fernsehen, Internet, Filme, Videospiele, Zeitschriften … alle diese Medien strömen tagtäglich auf uns ein und sorgen dafür, dass wir unseren Durst nach Voyeurismus stillen können. Da der Mensch auch schnell übersättigt ist, müssen immer wieder neue, meist krassere Themen her, damit unsereins wieder befriedigt werden kann. Wer hätte gedacht, dass es zur Mittagszeit im TV mal blanke Brüste zu sehen gibt und ungeniert über Sex geredet wird? Wer hätte gedacht, dass es Filme gibt, welche nach einer Neuprüfung eine FSK 16 Einstufung erhalten, obwohl sie vor ein paar Jahren noch auf dem Index standen? Die Menschheit stumpft immer weiter ab und die Gier nach Sensationsjournalismus steigt weiter an. Dies erkannten bereits Anfang der 1990er Jahre auch drei Regisseure aus Belgien, welche mit der Mockumentary „Mann beisst Hund“ dem Menschen seine Sensationsgier vorführten.

Originaltitel: C'est arrivé près de chez vous
Regie: Rémy Belvaux, André Bonzel, Benoît Poelvoorde
Darsteller: Rémy Belvaux, André Bonzel, Benoît Poelvoorde, Jacqueline Poelvoorde-Pappaert, Nelly Pappaert, Hector Pappaert, Jenny Drye, Malou Madou,
Laufzeit: 96
FSK: Keine Jugendfreigabe/Ab 18
Ton: dts-HD 2.0 (Deutsch, Französisch)
Untertitel: Deutsch
Bildformat: 1,66:1 (1080p)
Produktion: 1992
Erschienen: 21.03.2013
Vertrieb: Studiocanal
Preis: 17€

Film:
Ben ist Serienkiller. Er ist zudem selbstverliebt, mit gefährlichem Halbwissen ausgestattet und philosophiert gern über Gott und die Welt, während er mal so eben nebenbei jemanden tötet. Als wäre es das normalste der Welt. Dies finden in paar junge Filmemachen so interessant, dass sie Ben auf Schritt und Tritt begleiten und ihn zum Mittellpunkt einer Doku machen. Das an sich wäre schon heftig, da die Filmemacher den Opfern weder helfen, noch Ben ins Gewissen reden. Im Laufe der Zeit festigt sich aber die Beziehung zwischen dem „Hauptdarsteller“ und dem Team. Zum einen bekommt das Team das Geld der Opfer um ihren Film weiter finanzieren zu können, zum anderen helfen sie Ben später auch noch direkt, in dem sie Leichen verschwinden lassen oder selbst zu Tätern werden.

Das, was bei diesem Film auf den Magen schlägt, ist die Gleichgültigkeit von Ben und das er einfach so aus dem Stehgreif morden kann. Er braucht weder einen Grund, noch macht er sich irgendwelche Gedanken darüber. Selbst bei Kindern schreckt er nicht zurück und gibt dabei auch noch Tipps wie bei einer Heimwerkersendung. Zudem ist er auch noch rassistisch veranlagt, wenngleich er sagt, dass ihn Homosexuelle und Schwarze nicht stören. Das alles mag anfangs vielleicht noch etwas belustigend wirken, wenn Ben z.B. eine alte Frau zu Tode erschrickt um eine Kugel zu sparen. Doch es dauert nicht lange und das Lachen weicht einem geschockten Gesichtsausdruck, wie man ihn bei den seltensten Filmen bekommt. „Man beisst Hund“ ist keine Unterhaltung, sondern Arbeit! Spätestens, wenn eine der heftigsten Vergewaltigungen stattfindet, fragt man sich: Muss das sein? Ja es muss, denn nur so kann man dem Menschen die Gier nach solch einem Journalismus vor Augen halten. So meint es das Filmteam todernst mit seinem Projekt und denk wahrscheinlich noch, dass sie einen Abnehmer für ihr Werk finden. Wie erwähnt, wird die Crew alsbald mit einbezogen und es werden die Grenzen eines typischen Dokumentarfilmes überschritten. So ist es eigentlich Sinn einer Doku, dass sich das Filmteam aus dem Geschehen heraushält. Das einzige was stört ist, dass der Übergang der Crew vom Zuschauer zum Mittäter nicht sonderlich fließend ist und man auch nicht erkennen kann, warum sie es gerade in dieser bestimmten Szene tun. Auch wäre es interessant gewesen zu erfahren, warum das Filmteam solch einen Film machen will und wie sie Ben gefunden haben.

Als das würde allerdings ohne einen passenden Hauptdarsteller nicht funktionieren. Doch Benoît Poelvoorde, der sich wie alle anderen selbst spielt, gibt den Serienkiller extrem überzeichnet, überdreht und clownhaft. Teilweise sympathisiert man sogar mit ihm, wenn er seine Eltern und Großeltern vorstellt, oder Grimassen schneidet. Inszenatorisch ist der Zuschauer mittendrin und füllt sich teils dem Team zugehörig, was vor allem in einer Szene groteske Formen annimmt. In einer riesigen Fabrik trennt sich das Team und somit auch der Ton und Kamera. So hört man Leute reden, welche mit der eigentlichen bildlichen Situation nichts zu tun haben, bzw. umgekehrt. Man sieht Ben reden, hört ihn aber nicht.

Bild:
Da das Ausgangsmaterial ziemlich dürftig ist, darf man hier natürlich keine Wunder erwarten. Das Bild ist schwarz/weiß und sehr kontrastreich, wackelig, besitzt viele Fehlfokusierungen und ist sehr körnig. All das passt aber auch sehr gut zum eigentlichen Film.

Ton:
Auch hier darf man natürlich nicht allzu viel erwarten. Der Ton ist aber gut abgemischt und man versteht alle Dialoge.

Bonus:
Äußerlich hat sich Arthaus sehr viel Mühe mit der Veröffentlichung gegeben. Das Steelbook ist wunderschön und auch ein Booklet ist enthalten. Auf der Disc dagegen findet man neben einem Trailer noch etliche geschnitten/alternativen Szenen und den Kurzfilm „Kein C4 für Daniel-Daniel“.

FAZIT:
Ich sah „Mann beisst Hund“ vor über 10 Jahre auf einem dritten Programm im O-Ton mit deutschen Untertiteln und nahm ihn damals auch auf VHS auf. Nachdem der Rekorder jedoch das zeitliche segnete, wartete ich Jahrelang auf ein entsprechenden Release dieses kontroversen Werkes und ich danke Arthaus/Studiocanal, dass sie sich diesen Film angenommen haben! Auch heute noch hat der Film nichts von seiner Aktualität verloren, ganz im Gegenteil. Wer einen harten Magen hat und sich gern selbst seine Sensationsgier vorführen lassen möchte, muss diesen Film sehen! Ein bizarrer, grotesker und seelisch abartiger Film der seiner Zeit weit voraus war.  

Bild - 4/10
Ton - 3/10
Bonus - 5/10
Film – 9/10

[Diese Blu-ray wurde uns freundlicherweise von Studiocanal zur Verfügung gestellt]

[Review verfasst von Shagy]

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