Domino

26. June 2006

Domino

Tony Scott’s Reise zum Gipfel der Inszenierung scheint ein Ende gefunden zu haben: Nach dem noch übersichtlichen „Spy Game“ und dem schon anstrengenderen „Man on Fire“ liefert er mit „Domino“ ein Meisterwerk der modernen Schnittkunst ab. Ob das zu der Biographie der außergewöhnlichen Millionenerbin/Kopfgeldjägerin passt, sollte jeder für sich selbst entscheiden.



Originaltitel: Domino
Regie: Tony Scott
Darsteller: Keira Knightley, Mickey Rourke, Edgar Ramirez, Christopher Walken
Laufzeit: 122min
FSK: 16
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Ton: DD 5.1, DTS 5.1 (Deutsch); DD 5.1 (Englisch)
Regionalcode: 2
Bildformat: 2,40:1 (anamorph / 16:9)
TV-Norm: PAL
Produktion: 2005
Erschienen 2006:
Vertrieb: Constantin Film
Preis: 19€


Film:
An den Kinokassen gnadenlos gefloppt, musste Tony Scott’s „Domino“ auch bei den Kritikern viele Schläge einstecken. Hauptkritikpunkt war Scotts eigenwilliger Inszenierungsstil, dessen Schnittrythmus jeden Actionfilm-Trailer alt aussehen lässt und der dem Zuschauer einiges an Aufmerksamkeit abverlangt. So „unschaubar“, wie einige titulierten, ist der Film allerdings nicht.
Die Geschichte handelt von Domino Harvey (Keira Knightley), reiche Tochter einer verstorbenen Schauspiellegende, die aus der Langweile des schnöden Jet Set Lebens ausbrechen will und sich daher als Kopfgeldjägerin verdingt. Zur Seite stehen ihr dabei ihr Mentor und Ersatzvater Ed (Mickey Rourke) sowie ihr heimlicher Verehrer Choco (Edgar Ramirez). Schnell findet sie sich in ihrem neuen Leben zurecht und erlangt die Aufmerksamkeit des Chefs eines TV-Senders (Christopher Walken), der um sie herum eine Reality-TV Show inszeniert. Das läuft so lange gut, bis sie und ihre Truppe in eine illegale Aktion rund um einen 10 Millionen Dollar Raub hineingezogen wird, die im Stratosphere Tower in Las Vegas ihr furioses Ende findet.

 

Tony Scott liebt Zeitlupen. Und Zeitraffer. Und Farbfilter. Und schnelle Zooms. Und Kameraeinstellungen von unter einer Sekunde. Dafür hasst Scott den Überblick. Denn den verliert man leicht, wenn man als Abwechslung zu den dutzenden Nahaufnahmen pro Minute nicht auch mal ein paar längere Totalen spendiert kriegt. Aber Scott schafft die Gradwanderung zwischen durchgestyltem Hochglanzfilm und unschaubaren filmischen Müll – wenn auch nur grad so. Er tänzelt genau auf dieser Grenzlinie und das ein oder andere Mal überschreitet er sie auch, zum Beispiel wenn man im finalen Shootout außer Mündungsfeuer und in Großaufnahme umfallenden Gestalten überhaupt nichts mehr erkennt. Aber im Großen und Ganzen funktioniert der Film, jedenfalls für Zuschauer, die oben genannte Stilmittel nicht von Grund auf verabscheuen. Das Problem von „Domino“ liegt meiner Ansicht nach viel eher beim Drehbuch von Autor Richard Kelly, der auch schon für „Donnie Darko“ die Feder schwang. Denn das ist leider an vielen Stellen zu unausgegoren, verzweigt sich in unnötige Nebenstränge, verwirrt den Zuschauer durch viele Wendungen noch mehr und führt Nebenfiguren ein, die für die Handlung eigentlich überhaupt nicht gebraucht werden. Bestes Beispiel ist eine Szene, in der Nebendarstellerin Mo’Nique in der Jerry Springer Show auftritt. Obwohl das ansich ganz witzig ist hat diese Episode so rein überhaupt nichts mit der Handlung zu tun nud strapaziert nur die Geduld des Zuschauers. Auch der Subplot mit Christopher Walkens Fernsehteam ist zwar zynisch, aber viel zu kurz und nebensächlich um auf die Story wirklich Einfluss zu nehmen. Und die eigentlich einfache Geschichte um die gestohlenen 10 Millionen wird so verkompliziert dass man mehr als einmal den Faden verliert, wer hier eigentlich noch auf welcher Seite steht. Addiert man zu so einem verkomplizierten Drehbuch Scotts eigenwilligen Schnittstil versteht man, warum viele Kritiker mit Domino nichts anfangen konnten. Denn schließlich geht der Film satte 120 Minuten und solange muss man sowas erstmal durchhalten.

Dabei wurden aber oft die eindeutig positiven Dinge vergessen. So ist der Cast wirklich exquisit, allen voran Mickey Rourke, der sich scheinbar wieder auf dem aufsteigenden Ast befindet und hier eine Abwandlung vom Charakter „Marv“ aus Sin City spielt. Christopher Walken veredelt den Film allein schon mit seiner Präsenz und auch Delroy Lindo kann Punkte sammeln. Edgar Ramirez Rolle ist leider etwas klein gehalten und seine Liebe zu Domino wird genauso wie sein Charakter nie näher beleuchtet. Das kann man aber wohl nicht ihm sondern eher dem Drehbuch zu Last legen. Über Keira Knightley als Domino kann man zwiegespaltener Meinung sein: Auf der einen Seite spielt sie vorzüglich die Männer-vermöbelnde Bitch, die ihr Charakter wohl auch im wirklichen Leben war, auf der anderen fehlt ihr aber jegdliche Tiefgründigkeit. Ihre Motivation ist einzig Wut und Trotz, Gefühle werden nicht zugelassen und in der Lage, ein normales Gespräch zu führen, ist sie scheinbar auch nicht. Diese Oberflächlichkeit ist aber natürlich nicht nur Keira, sondern auch, wieder mal, dem Drehbuch anzulasten, welches Dominos weichen Seite einfach keinen Raum lässt.

 

Musikalisch wird das Schnittgewitter nicht nur von Harry Gregson-Williams durchschnittlichen Score, sondern auch von einer Reihe zeitgenössischer Black-Music sowie einigen Klassikern untermalt. Da der Film sowieso wie ein Videoclip aussieht, passt das wunderbar und verleiht dem Film oft noch mehr Tempo.
Schlussendlich ist Dominos ein ungewöhnlicher, mit jegdlichen inszenatorischen Konventionen brechender Film, der für sich genommen ein kleines Kunstwerk darstellt, aber genug Macken bietet, um Kritikern eine breite Angriffsfläche zu bieten. Unterhaltsam ist er allemal, blos wär es schön, wenn Tony Scott sich beim nächsten Film vielleicht etwas mehr auf seine alten Qualitäten zurück besinnt.

Bild:
Bei den vielen Stilmitteln, von Farbfiltern über Rauschen, die Tony Scott in seinem Film einsetzt ist es natürlich schwer, die Bildqualität zu beurteilen. Wenn eine Szene aber doch mal etwas ruhiger ist, ist ein sehr scharfes, farblich kräftiges und fast makelloses Bild zu erkennen. Das einzige, wahrscheinlich auf eine niedrige Kompressions zurückzuführende Problem ist stellenweise auftretendes Blockrauschen auf großen einfarbigen Flächen. Ansonsten ist das Bild makellos.
Es wurde übrigens das deutsche Bildmaster verwendet, also sind alle Schrifteinblendungen in deutsch.

Ton:
Das wichtigste zuerst: einen großen Unterschied zwischen den drei Tonspuren gibt es nicht. Bis auf dass der DTS-Track wie immer etwas lauter rüberkommt (vielleicht hätte man den Speicherplatz lieber in eine bessere Kompression investieren sollen?) und die deutsche Synchro etwas steril ist, klingt alles gleich. Den 5.1 Ton nutzt vorallendingen die Basslastige Musik aus, ansonsten kommen die Effekte hauptsächlich aus den Front-Speakern, die Rears werden recht selten genutzt. Trotzdem ein sehr gut klingender Ton, an dem es sonst nichts weiter zu meckern gibt.

Bonus:
Die DVD bietet nett animierte, mit Musik unterlegte Menüs sowie ein vier-seitiges Booklet mit drei Filmografien sowie der Kapitelauflistung. Die Extras der Scheibe sind:
- Domino Harveys Leben (ca. 20min)
- Blick hinter die Kulissen (ca. 6min)
- Interviews mit Keira Knightley, Mickey Rourke, Edgar Ramirez, Christopher Walken, Jacqueline Bisset, Delroy Lindo, Tony Scott, Samuel Hadida (ca. 12min)
- Filmografien von Knightley, Mickey Rourke, Christopher Walken
- Trailer (Basic Instinct 2; Agents Secrets; Enduring Love; Man about Town; Paradise Now; Dot The I; The Dark)
Die kurze Doku „Domino Harveys Leben“ beschäftigt sich vorallendingen mit dem Filmdreh von „Domino“, bei dem die echte Domino Harvey noch dabei war und bietet einige Hintergrundinfos zu ihrem Leben und Interviews mit ihr, der Filmcrew und ihrem Kopfgeldjägerfreund Choco. Das ganze ist sehr interessant und schließt einige Lücken, die sich beim Sehen des Films aufgetan haben. Schade ist blos, dass nicht mehr drauf eingegangen wird, inwieweit die im Film erzählte Story der Wahrheit entspricht.
Den Blick hinter die Kulissen kann man sich sparen, der er nur ein paar unkommentierte Bilder von den Dreharbeiten zeigt. Das selbe gilt für die sehr kurzen und absolut aussagelosen Interviews, bei denen die Einblendung der Fragen länger dauert als deren Beantwortung durch die Schauspieler. Zu den Filmografien, die so auch schon im Booklet stehen, sag ich lieber nichts.
Es ist mir absolut unverständlich warum es bei einem so aktuellen Film nicht möglich ist, ein ordentliches Making Of auf die DVD zu packen. Auf der Amerikanischen DVD waren wenigstens noch ein paar Deleted Scenes sowie eine zehn minütige Abhandlung zu Scotts visuellen Stil dabei, aber die deutsche DVD bietet dahingehend überhaupt nichts. Auch die zwei Audiokommentare der US-DVD sucht man vergeblich…

 

FAZIT:
Gewöhnungsbedürftiger Film, bei dem Freunde des schnellen Schnittes und der Videoclip-Ästhetik aber unbedingt einen Blick riskieren sollten.

Bild - 9/10
Ton - 8/10
Bonus – 4/10
Film - 8/10


[Diese DVD wurde uns freundlicherweise von Constantin Film zur Verfügung gestellt]

[Review verfasst von anno nym]