Ich muss zugeben, dass ich mich im Vorfeld besonders auf meine Tuchfühlung mit RAGE gefreut habe. Kann es einem Spiel, das so viel verspricht, wirklich gelingen auch nur die Hälfte zu halten? Nachdem ich eine Stunde bei Bethesda mit einer sehr komplett wirkenden PS3-Version verbringen durfte, kann ich sagen: Ja, das geht!
Auf ins Wasteland!
Nein, wir sind nicht bei Fallout 3, auch wenn die zerstörte und wüste Landschaft mehr als einmal an ein nicht verstrahltes Fallout oder auch an Borderlands erinnert. Nach dem Intro (welches ich nicht spoilern werde) finde ich mich im Buggy von Dan Hagar wieder, der mich unter seine Fittiche nimmt und erklärt, wie es hier so läuft. Er möchte, dass ich mich einiger Banditen in der Nähe annehme - und schon habe ich die erste Quest im Log. Von der kleinen Siedlung bis zum Ziel ist ein kleines Stück, doch glücklicherweise hat Dan auch ein Quad Bike für mich in der Garage. Also Pistole nebst Bandagen eingesteckt, aufgesessen und ab geht’s! Vorbildlich ist hier die intelligente Mini Map, die nicht nur den Weg bis zum Ziel des aktiven Quests automatisch markiert, sondern auch wie ein Navi die benötigte Zeit in Betracht zieht. Ist das Ziel mit dem Quad schneller zu erreichen, lotst es mich zuerst zum Fahrzeug und dann erst zum eigentlichen Ziel.
Im Unterschlupf angekommen, wird zuerst die grundlegende Steuerung erklärt, dann startet die Action. Wie bereits in diversen Videos gesehen, agieren die großteilig mit Nahkampfwaffen ausgerüsteten Gegner clever, suchen Deckung und wenn sie im offenen Schussfeld unterwegs sind, schlagen sie Haken oder vollführen sonstige akrobatischen Kunststücke. Dem kann man entgegenwirken, wenn man ihnen in die Beine schießt. Die Reaktion der Gegner auf Treffer in verschiedene Körperteile ist äußerst glaubhaft. Sie taumeln korrekt herum, humpeln weiter oder suchen Deckung. Zu Boden gegangene Gegner wälzen sich herum und versuchen mit letzter Kraft, mir noch ein oder zwei Kugeln zu verpassen oder stehen nach kurzer Zeit wieder auf, wenn sie nicht tödlich getroffen wurden. Mehr als einmal habe ich mich dabei ertappt, wie ich gezielt die Beine aufs Korn genommen habe als den Kopf, nur um ihre Reaktionen zu sehen. Selten übernimmt eine gescriptete Sequenz die Kontrolle über unseren Charakter, aber dank der guten Integration ins Spielgeschehen und der konsequent durchgehaltenen Ego-Perspektive fügen sie sich gut in den Spielfluss ein.
Nach unserer Rückkehr schickt uns Dan gleich weiter zu einer benachbarten Siedlung, um sie vor Banditen zu warnen. Doch vorher gehen wir zum Händler und verkaufen allerlei Zeug, das wir unterwegs aufgesammelt und von Leichen geplündert haben. Doch nicht alles davon ist nutzlos, einiges kann dazu verwendet werden, verschiedene Sachen zu bauen sofern man die Baupläne hat. Mir standen lediglich Bandagen und ein Lockgrinder, eine Art universeller Schlossknacker für bestimmte Arten von Türen zur Verfügung. Neben verschiedenen Munitionsarten und Verbandszeug habe ich dem Händler ein halbes Fernglas abgekauft, welches ab jetzt als Zielfernrohr für meine Pistole zweckentfremdet wird.
Go with the flow
Die Quests plätschern dahin, noch recht kurz, aber recht schnell werden es mehr. Am Anfang ist immer nur ein Quest verfügbar, doch in der zweiten Siedlung eröffnen sich mehr Möglichkeiten, sobald ich ihr Vertrauen gewonnen habe. Dann muss ich mich entscheiden: Gehe ich dem Mechaniker erst einige Teile besorgen, damit er mir einen richtigen Buggy flott macht oder versuche ich weiter, den Banditen das Handwerk zu legen? RAGE versteht es geschickt, dem Spieler immer mehr Arbeit zu geben, ohne dass ich das Gefühl habe, einfach nur eine Liste abzuarbeiten. Die neuen Quests sind immer eingebettet in die aktuelle Situation der jeweiligen Gemeinschaft, wirken nicht losgelöst wie in anderen Spielen und sind damit glaubhaft. Einen Minuspunkt gibt es allerdings: Alle Quests waren im Kern von der Sorte „Hingehen und Töten“. Ich hoffe, dass sich das im späteren Spielverlauf noch ändern wird. Neue Missionen bringen auch mehr Möglichkeiten. Zur Pistole gesellte sich schnell eine Schrotflinte, die den Namen auch verdient. Normalerweise benutze ich nie Schrotflinten, weil sie in den meisten Spielen einfach nicht meinen Geschmack und Spielstil treffen, aber in den zumeist engen und verwinkelten Ruinen ist eine Shotgun genau das richtige – satter Sound inklusive. Auch Granaten haben einen guten Wumms, aber selbst wenn eine in direkter Nähe eines Gegners explodiert, zerfetzt es ihn nicht in alle Einzelteile oder löst ihn in einer Blutwolke auf. Körperteile fliegen zwar umher, aber vollkommen pulverisieren konnte ich einen Gegner nie. Ansonsten ist der Gewaltgrad dem Spiel angemessen: Es blutet überall, aber nicht übertrieben, Köpfe und Gliedmaßen lassen sich abtrennen. Gute Voraussetzungen also, dass die deutsche Version also wirklich ungekürzt ist und es nicht nur aus Marketinggründen draufgeschrieben wurde. Zumal die von einigen Brüstungen hängenden Leichen, die die Verstecke der Banditen zieren, sehr zur guten Atmosphäre beitragen. Und obwohl ich mich schon in Fallout 3 an total zerstörten Landschaften satt gesehen habe, hat RAGE einen ganz eigenen Look, der nicht kopiert wirkt.
Kleinliche Technikfans: Bitte wegschauen!
Bleibt zuletzt noch die Technik… Vorweg: RAGE sieht super aus! Und jetzt kommt das Aber. RAGE hat ebenfalls Probleme mit dem Texturenstreaming. Wenn man sich schnell dreht – und da reichen weniger als 90° - ertappt man die Engine dabei, wie sie unscharfe Texturen nachlädt. Das geht aber innerhalb von Sekundenbruchteilen vonstatten und ist kein Vergleich zu Borderlands. Auch die Qualität der Texturen schwankt teils erheblich und reicht von „fast PC Qualität“ bis „verwaschen und unscharf“. Weiter entfernte Texturen werden detailärmer dargestellt und erst scharf, wenn der Spieler näher herankommt. Vor allem bei Bodentexturen bildet sich ab und zu eine Kante, an der dann die scharf/unscharf-Grenze deutlich sichtbar ist. Einige Texturen hingegen sind immer detailliert, wie zum Beispiel die verwendeten Waffen, alle Figuren und Fahrzeuge. Von Anti Aliasing hat die Engine auf der PS3 leider noch nie was gehört (wenn doch, dann sieht man es nicht), so dass es viele Treppchen in der Landschaft gibt, an die sich sogar Puristen erst einmal gewöhnen müssen. Aber wenn man sich vor Augen führt, dass alles mit 60fps läuft, relativiert sich vieles wieder. Und die 60fps werden auch durchgehalten, merkliche Abfälle gab es keine und Tearing ist ein Fremdwort. Ein weiterer kleiner Wermutstropfen ist die Tatsache, dass RAGE keine richtige Offene Spielwelt bietet, sondern einige, wenn auch kleine Areale nur per mindestens zehn Sekunden lang dauerndem Ladebildschirm zu erreichen sind.
FAZIT:
Haben mich die technischen „Probleme“ beim Spielen gestört? Nein! RAGE zieht den Spieler schnell in die Welt hinein, die Grafik und die Texturprobleme treten schnell in den Hintergrund. Einzig an die vielen Treppchen habe ich mich ein paar Minuten gewöhnen müssen, aber das geht auch vorbei, sofern man kein absoluter Technikfreak ist, der die ganze Zeit danach sucht. Solche Leute sollten lieber zur PC-Version greifen. Unterm Strich ist RAGE das hübscheste 60fps-Spiel, das ich auf der PS3 kenne. Und wer weiß, bis zum Release ist noch ein wenig Zeit, die zur Optimierung genutzt werden kann. Neben Uncharted 3 ist RAGE mein Highlight der Gamescom!
[ Special verfasst von Sanguinis ] [© 2011 www.onpsx.net ]