Es gibt eine Zeit im Jahr, da verändert sich Berlin. Wo man sonst um diese Jahreszeit nur Grau in Grau sieht, zieht in Berlin die Farbe „Rot\" ein. Rote Mützen, rote Taschen, rote Schlüsselbänder, rote Plakate und vor allem rote Teppiche schmücken die Stadt. Die Rede ist natürlich von der Berlinale, welche jedes Jahr im Februar in Berlin tobt. Und die Stadt mit reichlich Filmfans aber auch „Stars und Sternchen\" füllt. Das Schöne an der Berlinale ist aber, dass auch ganz normale Menschen an Karten für die Film-Premieren und Co. kommen können. Dazu braucht es nur etwas Organisation, schließlich wollen viele Leute Karten ergattern. Ich bin auch seit diversen Jahren immer wieder bei der Berlinale mit dabei, so natürlich auch in diesem Jahr. Insgesamt habe ich innerhalb von 6 Tagen 7 Filme in verschiedenen Berliner Kinos gesehen. Dieser kleine Artikel soll euch einen Überblick über die von mir gesehen Filme geben, soweit verfügbar habe ich die Trailer der Filme mit eingebunden. Das Besondere: bei vielen Vorstellungen waren Regisseur und Teile der Besetzung mit anwesend und haben nach dem Film Fragen beantwortet. Ich wünsche euch nun viel Spaß beim lesen!
Basierend auf dem gleichnamigen Buch von „Bernhard Schlink\" erzählt dieser Film die Geschichte von Michael (David Kross), einem 15 jährigen Jungen, welcher in den 50er Jahren in Deutschland eine Liebesaffäre mit der deutlich älteren Hanna (Kate Winslet) anfängt. Das besondere an der Affäre: Hanna liebt es, sich von Michael vorlesen zu lassen. Und so liest der Junge ihr alles vor, was die Literatur hergibt. Doch eines Tages ist Hanna spurlos verschwunden. Viele Jahre später studiert Michael in Berlin Jura und nimmt mit seinem Professor als Beobachter an einem Gerichtsverfahren teil. Bei diesem müssen sich diverse weibliche Wachen des Konzentrationslagers Auschwitz für Mord in 300 Fällen verantworten. Unter diesen Frauen erblickt er Hanna und so gerät Michael in einen moralischen Konflikt der seines gleichen sucht.
Kritik:
„The Reader\" ist mein Eröffnungsfilm der Berlinale 2009 und gleichzeitig einer der begehrtesten Filme dieses Jahres. Die Kinokarten waren innerhalb von nur 3 Minuten komplett ausverkauft. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde der als Revuetheater bekannte Friedrichstadtpalast exklusiv für die Berlinale zu einem Kino umgebaut. Mit 1.750 Plätzen ist er somit das größte Kino der Berlinale. Leider ist er meiner Meinung nach nur bedingt zu gebrauchen, gerade die sehr unbequemen Sitze sorgen nicht gerade für einen Komfort wie man ihn sich im Kino wünscht. Nun zum Film, erst einmal muss man die beiden Hauptdarsteller loben, welche ihre Rolle mehr als nur überzeugend gespielt haben. Auch der Film selbst war wirklich gut gemacht, spannend und thematisch natürlich hoch interessant. Doch leider hielt sich der Regisseur nicht strikt an die Romanvorlage und verlängerte den Film auf typische US-Schnulzenweise... schade.
„THE BEAST STALKER\" (Ching yan)
„The Beast Stalker\" erzählt die Geschichte vom Hong Konger Polizisten Tong Fei (Nicholas Tse), welcher bei einem Einsatz versehentlich ein kleines Mädchen erschießt. Als die Schwester dieses Mädchens von einem skrupellosen Kidnapper entführt wird, brennen bei Fei die Sicherungen durch und so begibt er sich auf die erbarmungslose Jagd nach dem Kidnapper. Das er sich hierbei auf eine Gratwanderung des Chaos begibt ist ihm in seiner blinden Wut nicht bewusst. Aber auch der Kidnapper (Nick Cheung) ist nicht einfach ein geistesgestörter Verrückter. Geplagt von eigenen schwerwiegenden Problemen wurde er in diese Rolle gezwungen und hat keine andere Wahl zu handeln.
Kritik:
Regisseur Dante Lam ist es gelungen, einen äußerst spannenden und gut gemachten Actionfilm zu erschaffen, der von einer sehr netten Story mit einigen Twists profitiert. Auch
bei diesem Film sind wieder die Schauspieler zu loben, welche einfach gute Arbeit geleistet haben. Regisseur und der Darsteller des „Bösewichtes\" waren nach der Vorstellung noch vor Ort und beantworteten einige Fragen des Publikums, auch wirklich Doofe versteht sich.
Frage: „Kann es sein, dass sie ein Problem mit der Polizei haben in KOREA (...)?
Antwort: „Ähhh, es war Hong Kong und nein haben wir nicht, wir haben das für den Film natürlich alles etwas überspitzt dargestellt.
Frage: „Wie sind sie auf die Idee gekommen, dass auch der Böse etwas „gutes\" an sich hat?\"
Antwort: „Nun, ich denke das entspricht mehr dem wirklichen Leben. Es gibt im echten Leben wahrscheinlich auch mehr Leute die zwei Charakterseiten haben und durch bestimmte Schicksalsschläge geprägt sind.
Es wurden zwar noch andere Fragen gestellt, da diese aber stark spoilern, enthalte ich sie euch lieber vor. Schauspieler Nick Cheung sagte übrigens nicht viel, außer: „Ich weiß wertes Publikum, Sie sind verwirrt, weil ich in Wirklichkeit viel, viel besser aussehe als im Film\".
So hatte sich Byung-Woon (Ha Jung-Woo) seinen Tag sicherlich nicht vorgestellt. Anstatt wir üblich einfach in der Wetthalle für Pferderennen mit seinen Freunden abzuhängen, erwartet ihn an diesem Tag seine Ex Freundin Hee-Su (Jeon Do-Youn). Und Hee-Su ist nicht gekommen um einfach mal „guten Tag\" zu sagen - nein, sie möchte ihr Geld zurück alles. Und wenn sie alles sagt, dann meint sie alles und das am besten noch heute. Doof nur das Byung-Woon gar kein Geld hat. Doch bietet er ihr an, es zu „organisieren\". So begeben sich die beiden auf einen Roadtrip durch Seoul und statten sämtlichen Freunden von Byung-Woon einen Besuch ab um sich Geld zu „leihen\".
Kritik:
Schade, das hätte was werden können. My Dear Enemy scheitert einfach daran, dass es weder richtig doll witzig ist noch sonst irgendwie spannend. Eigentlich reiht sich nur eine langweilige Szene an die nächste. Und dazu gibt es das immer gleiche Musikstück. Hier muss ich ehrlich sagen, hätte ich wesentlich mehr erwartet. Mehr Witz, mehr Charme, mehr Pepp, mehr Spaß. Ohne diese Zutaten bleibt es leider nur ein belangloser Film aus Südkorea, welcher gleichzeitig auch der schlechteste Film für mich auf der diesjährigen Berlinale war. Ironischerweise war es auch im letzten Jahr ein koreanischer Film, der mich maßlos enttäuscht hatte.
2001: A SPACE ODYSSEY (70mm Retrospektive)
An dieser Stelle gibt es von mir keine Inhaltsangabe zum Film, da ich davon ausgehe, dass der mehr als 40 Jahre alte „ 2001: A Space Odyssey\", welcher als Klassiker der Science-Fiction-Filme gilt, weitestgehend bekannt sein sollte. Wem der Film trotzdem nichts sagt, der darf sich hiermit auf Wikipedia verwiesen fühlen.
Das besondere an dieser Vorführung war, dass der Film komplett in 70mm gezeigt wurde, einem Filmformat welches man heute eigentlich nicht mehr kennt/benutzt, weil es den „Filmemachern\" zu teuer geworden ist. Es zeichnet sich (im Vergleich zu normalem 35mm Film) durch eine bessere Schärfe und Farbbrillanz aus. Auch die Soundqualität ist besser. Das Kino International in Berlin, in welchem ich diesem Film gesehen habe, war übrigens das erste Kino in der DDR, welches die 70mm Technik beherrschte. Weil dieses wunderschöne Kino bis heute nicht verändert wurde, ist es also ein mehr als angemessener Platz um einen Film wie diesen als 70mm Kopie zu sehen. Man könnte sagen, Kino, Film und Technik bildeten eine Einheit, welche an Authentizität und Atmosphäre wohl nicht mehr übertroffen werden kann. (Anmerkung der Redaktion: In IMAX Kinos laufen auch heute noch70mm Filme, aber da diese Technik nach riesigen Leinwänden verlangt, sind solche Filme bzw. Kinos eher selten zu finden).
Vor Ort waren auch der Filmpädagoge der Berlinale sowie der „Direktor (?) des Filmmuseums am Potsdamer Platz, welche vor dem Film, in der Pause sowie nach dem Film etwas zu Technik und Co. erzählt haben.
Sorasoi, das ist der Name einer kleinen Jugendherberge am Meer in Japan. In dieser „Herberge\" haben sich diverse Teenager zusammengefunden, um für einen Tanzwettbewerb zu trainieren. Als „Potente Dance Club\" üben die Jungen und Mädchen unter Anleitung eines Trainers also täglich am Strand. Als eines Tages die Alleinreisende Yuri in der Jugendherberge eincheckt, stellen sich den Jungs des „Tanz Clubs\" viele Fragen. Unter anderem, wo diese hübsche Frau herkommt und warum um Gottes willen ist sie alleine unterwegs?
Kritik:
Sorasoi ist für mich DER Überraschungshit! Ein leichter, sehr lustiger Film welcher mit einem sympathischen Team aus Jungschauspielern überzeugen kann. Gerade weil der Humor hier nicht zu kurz kommt, macht dieser Film soviel Spaß und schlägt damit die „Feelgood\" Richtung von Filmen wie „Swing Girls\" oder „Linda Linda\" ein, ohne aber an deren Perfektion heranzureichen. Aber das muss er auch nicht, Sorasoi ist toll so wie er ist. Bei diesem Film war nicht nur eine der drei Regisseurinnen, sondern auch fast alle weiblichen Schauspielerinnen vor Ort und beantworteten Fragen.
Frage: „Was heißt Sorasoi?\"
Antwort: „Das hat keine Bedeutung, wir fanden einfach es klang schön\"
Frage: „Wo spielt der Film?\"
Antwort: „In IZU, einem kleinen Ort südlich von Tokyo\"
Frage: „Wo sind die Jungs??\"
Antwort: „Die hatten kein Geld um mit hierher zu reisen...die sind arm *lacht*\"
Frage: „Warum drei Regisseure?\"
Antwort: „Wir sind Freundinnen und wollten unbedingt mal einen Film zusammen machen\"
Frage: „Ist der Film in Japan erfolgreich?\"
Antwort: „In Japan ist er noch gar nicht im Kino angelaufen\"
Nach dem Q&A fragten die Schauspielerinnen das Publikum noch, ob sie den Tanz nochmals live aufführen sollten (!?). Doofe Frage - natürlich sollten sie! Und das taten sie auch. Genial. Sorasoi und seine Crew sind das Paradebeispiel für Leute, die noch Spaß daran haben Filme zu machen und das auch über den Film transportieren. So macht Kino Spaß!
LOVE EXPOSURE (Ai no mukidashi)
Der junge Yu ist eigentlich ein ganz normales Kind. Als jedoch seine Mutter verstirbt, entschließt sich sein Vater Priester zu werden. Und als Priester besteht er darauf, dass Yu alle seine Sünden bei ihm beichtet. Das Problem - Yu hat gar keine Sünden. Um trotzdem von seinem Vater anerkannt zu werden, fängt Yu also an zu sündigen. Absichtlich, damit er etwas zu beichten hat. Da die „kleinen\" Sünden den Vater irgendwann nicht mehr interessieren, braucht Yu etwas Schlimmeres. Also geht er bei dem „Meister\" der Unterwäschefotos in Lehre. Yu und seine Freunde werden also Meister darin „Pantie Shots\" von wildfremden Frauen auf der Straße zu machen, ohne das dieses davon etwas mitbekommen. Jedoch kann sich Yu an seinen ganzen Bildern nicht erfreuen, da er sich auf der Suche nach seiner großen Liebe, seiner „Heilligen Maria\" befindet. Eines Tages sieht er sie - Yoko. Wie eine Heilige steht sie vor ihm und er verliebt sich direkt in sie. Doch Yoko mag Männer nicht, nein sie hasst sie! Aufgrund von schlechten Erfahrungen mit ihrem Vater erklärt Yoko kurzerhand die gesamte Männerschaft zu ihrem Feindbild. Außer Kurt Cobain und Gott versteht sich. Dazu kommt, dass Yoko die Stieftochter der neuen Frau von Yus Vater ist. Um der Geschichte aber noch etwas mehr Drive zu verleihen, tritt noch ein weiteres Mädchen dazu. Als Anführerin einer Sekte versucht sie Yu, Yoko sowie Mutter und Vater solange zu manipulieren, bis sie ihrer Sekte beitreten. Es sollte klar sein, dass auch dieses Mädchen einen mehr als gigantischen geistigen Schaden hat.
Kritik:
Ich habe einen taktischen Fehler begangen. Ich habe es versäumt mich vorab zu informieren, wie lange dieser Film geht. Als ich dann im Kino die Leute reden hörte „sag mal gibt es ne Pause?\" und „such dir `nen guten Platz, da wirst du heute ne weile sitzen müssen\" wurde ich schon skeptisch. Wie sich herausstellte hat dieser Film eine leichte Überlange. Anstatt der üblichen 2 Stunden geht „Love Exposure\" mal locker 4 Stunden (!). Sehr intelligent von mir, dass ich mir an diesem Tage genau vor Love Exposure bereits „Sorasoi\" angesehen hatte. Aber nun zum Film selbst. Der Regisseur „Sion Sono\" ist mir wohl bekannt. Sein recht alter Film „Suicide Circle\" ist thematisch hoch interessant. Außerdem habe ich bereits vor 2 Jahren auf der Berlinale einen anderen sehr abgefahrenen Film von ihm gesehen - „Strange Circus\". Bei Strange Circus gab es damals den höchsten „Walk Out\" (sprich Leute, die sich aus dem Kino verdrücken) welchen ich in meiner Berlinale Zeit mitbekommen habe. Ein aktuellerer Film von Sion Sono ist „Exte\", welcher aber leider relativ schlecht ist und nur von einer fabelhaften „Chiaki Kuriyama\" halbwegs gerettet wird. Mit „Love Exposure\" treibt Sion Sono sein Publikum an ihre Grenze und ich muss zugeben, dass ich direkt nach dem Kinobesuch wenig lobende Worte für diesen Film gefunden habe. Nun, einige Tage später, sieht das aber ganz anders aus. Der Film und der Titelsong (Hollow von Yura Yura Teikoku) gehen mir nicht aus dem Kopf. Love Exposure bietet von allem etwas: Humor, Splatter, Romanze, Sozialkritik und mehr. Man muss dem Film auch zu gute halten, dass er dank immer neuen „Twists\" und Charakteren durchweg spannen bleibt. Und das ist bei 4 Stunden Laufzeit schon eine Kunst an sich. Sion Sono ist es gelungen, einen äußert interessanten und guten Film zu machen, welcher neben viel Blut, Gewalt und geistig gestörten Charakteren auch eine wirklich nette Romanze zum Vorschein bringt. Eine Genre-Gratwanderung, an welcher viele andere Regisseure scheitern würden.
Paul Bellamy (Gérard Depardieu) ist Polizist. Als er seine Sommerferien mit seiner Frau verbringt, taucht plötzlich aus dem Nichts ein kurioser Vogel auf, der unbedingt mit ihm sprechen möchte. Dieser Herr behauptet, er hätte versehentlich jemanden getötet und möchte nun seine Unschuld beweisen. Natürlich lässt sich Bellamy nicht zweimal bitten und übernimmt den Fall - auf seine Weise. Als auch noch Bellamys nichtsnutziger und leicht versoffener Bruder im Sommerhaus auftaucht, hat Bellamy auf einen Schlag mehr Probleme als Erholung.
Kritik:
Der Film „Bellamy\" lässt sich wohl am besten als französische Version von „der Bulle von Tölz\" beschreiben. Es ist ein relativ actionarmer Krimi, welcher gut und gerne auch als Fernsehproduktion des ZDFs durchgehen könnte. Nicht schlecht - aber eben auch nicht besonders gut.
[ Special verfasst von Flek | (c) 2009 www.onpsx.net ]